Nachfolgend findet sich eine Glosse, welche in der Ausgabe 2004 des ver.di-Magazins ver.di vor Ort abgedruckt war.
Der Inhalt ist (c) by ver.di und darf mit freundlicher Genehmigung durch ver.di hier abgedruckt werden.
Gedanken eines Gruppenleiters – RV -
6.30 Uhr
Rentenbüro. Früh am Morgen. Richtig früh. Jetzt oder nie. Jetzt mach’ ich diesen Fall fertig. Der ist nämlich undurchsichtig. Da muss ich mich in die Akte einlesen. Also jetzt. Jetzt ist es noch ruhig. Später geht ständig das Telefon. Dann macht’s keinen Sinn mehr. Oder besser erst heute Nachmittag? Wenn der Run vorbei ist?
Stopp, hinhören! Der Abschnittsleiter verkündigt die gestrigen Besprechnungsergebnisse. Aha: Laufzeit! Altersrenten sofort, mit allen Mitteln, mit oberster Priorität erledigen. Na gut. Also unsere Arbeit passend umverteilen – halt der neuen Gewichtung entsprechend.
Gut, dass wenigstens mein Dritter zurück ist. Hat zwar immer noch ‘ne Schniefnase, kann mir aber helfen die ganzen Altersrenten
rauszusuchen. – Alles neu sortiert. Fristen durchgeguckt.
Mal schauen, in welchen Fällen ich am Telefon oder per Fax was erreichen kann. Hier fehlt das Arbeitsamt. Also faxen. Telefonieren macht keinen Sinn, hab’ ich gestern in einem anderen Fall versucht. Nur Warteschleife.
So, Vordruck fertig – hin zum Fax. Einmal halb durch den Flügel. Soll ja fit halten. Die 3 Minuten Aufwand.
Pro Fax. So – wieder da. Nächster Fall. Wieder faxen…
8.37 Uhr
Altfallliste. Vom Büroleiter. Fünf Fälle drauf. Soll ich sofort nachschauen. Nun denn… Alles medizinische. Gutachten kommen nicht. Nicht unsere Schuld. Also hin zum Büroleiter und erklären…
9.20 Uhr
Was denn jetzt? Sonderlauf? Wie – zwingend bis zum 04.03. zu erledigen? Heute ist der 20.02.! Das sind ja nur 9 Arbeitstage. Und teilweise muss ich da noch Rückfragen halten!
9.40 Uhr
So, Fälle gezogen. Sind jetzt bestimmt wichtiger als die Altersrenten …
10.00 Uhr
FBB-Besprechung. Thema: Unsere „liebsten“ Fehler. Hat alle die Prüfgruppe gefunden.
Also sollen wir noch mal drüber reden. Damit wir es verstehen und nie wieder tun. Komisch – waren ja ‘ne Menge Fehler. Hätt’ ich nicht gedacht. Und dann werden die Prüfgruppen abgeschafft!
Fällt denn dann noch auf, dass sich bei uns Fehler einschleichen? Kann doch immer mal passieren, ist schließlich ‘ne komplizierte
Materie …
11.00 Uhr
Wieder zurück am Platz. Muss’ meinen Dritten vom Telefon erlösen. Hat wohl mal wieder ohne Unterbrechung
geklingelt …
12.20 Uhr
Bloß gut, dass gleich Pause ist. Nicht ‘mal ein Kaffee war heute drin. Oder mach’ ich die Pause durch? Schließlich muss ich heute schon um 16.00 Uhr gehen. Ist vielleicht besser. Sonst stimmt unsere Statistik zum Monatsende nicht. Gibt dann nur Ärger. Da sieht ja keiner, dass ich schon wieder auf 70 Stunden plus bin. Und dass mein 2. im Urlaub war. Und dass der 3. krank war. Und
dass keiner vertreten konnte, weil’s im restlichen Büro nicht viel besser aussah …
Nur manchmal – wenn ich nach Hause gehe – dann höre ich eine Stimme in mir. Worte, wie aus einer längst vergangenen
Zeit:
„Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind der Schlüssel zum Erfolg.“
„Unsere Führungskräfte … handeln im Bewusstsein der Verantwortung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“
„Ein optimaler Informationsfluss und eine wirksame Kooperation finden zwischen allen Ebenen und Fachbereichen statt.“
„Führungskräfte sorgen für eine ausgeglichene Arbeitsverteilung und berücksichtigen hierbei den Wissensstand und das Leistungsvermögen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“
Lieber Kollege! Die Sätze kenn’ ich auch! Die stehen in einer Publikation der Knappschaft.
Die nennt sich „Leitbild und Grundsätze für Führung und Zusammenarbeit“.
Haben wir alle mal bekommen. Haben einige gelesen. Setzen manche um. Haben viele ganz unten im Schreibtisch und längst vergessen …